Eine Woche vor Reisebeginn bin ich mir sicher, den größten Fehler meines Lebens begangen zu haben, als ich im November spontan zwei Flugtickets für mich und das Goldlöckchen erstanden habe. Meine erste Fernreise und dann auch noch alleine mit Kind? Ich muss verrückt geworden sein. Jetzt stehe ich zwischen halbfertigen Packlisten, Probepackungen von Shampoo und Desinfektionsgel und bin mir sicher, ins Unglück zu reisen. Ich bin nicht der Mensch, der Reisen plant oder organisiert einen Rucksack packt. Ich packe hiervon zu viel, davon zu wenig und anderes vergesse ich einfach komplett.

Eigentlich organisiere ich keine Reiserouten, sondern fahre gerne ins Blaue.

Und gerade habe ich das Gefühl, dass mein ach-so-tolles-Englisch eingerostet, erfrorenen, in den ekligen Wintern in Deutschland krepiert ist und ich keinen einzigen Satz mehr herausbringen werde. Aber: Das ganze Gejammer und die Angst helfen mir jetzt auch nicht mehr. Wir werden nach Thailand fliegen. Punkt.

Die Nacht vor der Abreise tue ich kein Auge zu. Immer wieder kontrolliere ich, ob ich unsere Pässe habe, ob alle Buchungsbestätigungen ausgedruckt und eingepackt sind und ob ich einen Pulli eingepackt habe. Habe ich. Dass wir vor lauter Nervosität drei Stunden vor Abflug am Flughafen ankommen, kommt mir schließlich aber zugute. Die Sicherheitskontrollen nehmen kein Ende, die Leute stehen überall Schlange, sodass wir pünktlich zum Boarding erst einmal am Gate sind. Nervös suche ich unsere Plätze und verstaue das Handgepäck. Bücher, die Buchungsbestätigungen und ein paar Kekse sind alles, was wir dabei haben.

Goldlöckchen ist im Gegensatz zu mir die Ruhe selbst.

Vor lauter Hektik, vergesse ich die Reisetabletten zu nehmen. Sich vor lauter Übelkeit in den Sitz des Vordermannes zu krallen, ist aber sowieso viel spannender. Goldlöckchen gluckst in der Zwischenzeit vor Glück und kuckt staunend aus dem Fenster. Oder zu der netten Dame hinter uns, die fleißig Snacks aus ihrer Tasche packt.

Nach fünf Stunden gibt’s die erste Zwischenlandung in Teheran. Und: Vier Stunden Aufenthalt. Vorsorglich haben die Flughafenmitarbeiter alle Europäer eingesammelt und in die Business Lounge des Flughafens gesteckt. Warum, weiß hier keiner so genau, aber immerhin gibt es kostenloses Essen und Getränke. Während alle müde auf ihren Lounge Sesseln lümmeln, starrt Goldlöckchen einen jungen Kanadier, der Häckisäck spielt, hypnotisch an. Er lacht und lädt sie mit einer Handbewegung ein, mitzuspielen. Das lässt sich die aufgedrehte Vierjährige natürlich nicht zweimal sagen. Begeistert quietscht und kreischt sie und hüpft durch die Sesselreihen. Ein junges deutsches Backpacker-Pärchen gesellt sich schließlich noch zu uns. Die beiden erzählen mir, dass sie bereits seit zwei Jahren um die Welt reisen, eigentlich nur mit ihren Fahrrädern. Dass sie heute fliegen, ist eine absolute Ausnahme. So vergeht die Zeit wie im Fluge und ehe wir es uns versehen, sitzen wir in der Maschine nach Bangkok, essen iranisches Flugzeugessen und schlafen zusammengekauert auf den unbequemen Sitzen. Als wir in Bangkok ankommen, heißt es Abschied von unseren neuen Freunden nehmen. Der junge Kanadier muss einen Anschlussflug erwischen, das Backpacker-Pärchen möchte mit den Rädern lieber Richtung Osten reisen, statt sich den chaotischen asiatischen Linksverkehr anzutun. Also heißt es jetzt, das Goldlöckchen und ich alleine in Bangkok.

Als wir aus dem klimatisierten Flughafen heraustreten, raubt es mir für einen kurzen Moment den Atem. Die Luft ist heiß, schwül und stickig. Viel heißer, als ich es erwartet habe. Ich sehe mich um und habe keine Ahnung, wohin ich gehen muss. Der mehrstöckige Flughafen liegt bereits hinter uns. Um uns herum laufen die Leute geschäftig umher. Nur Goldlöckchen und ich stehen ein wenig ratlos herum und wissen nicht, wohin wir gehen sollen. Der schwere Rucksack drückt auf meine Schultern und ich schwitze. Goldlöckchen ist müde und quengelt. Für einen kurzen Moment bekomme ich Angst. Doch da sehe ich plötzlich, wie mir ein Taxifahrer von der gegenüberliegenden Seite winkt und nach rechts zeigt. Er lacht und deutet immer wieder in die selbe Richtung. Ja richtig, jetzt fällt es mir wieder ein. Für die offiziellen Taxis am Flughafen muss man erst eine Nummer ziehen. Ich nicke dem Taxifahrer dankbar zu und ziehe das müde Goldlöckchen hinter mir her.

Das Taxi ist angenehm klimatisiert und der Taxifahrer sehr nett. Er hört nicht auf zu reden, erzählt von seinen Enkelkindern und schlängelt sich dabei durch den zähen Bangkoker Verkehr.

Links und rechts türmen sich Hochhäuser auf, stapeln sich Wellblechhütten und der Müll. Baustellen an jeder Ecke.

Rollerfahrer ohne Helm schlängeln sich durch die Reihen voller Toyotas und Mazdas. Auf vielen Wagen sitzen bis zu zehn Männer auf offenen Ladeflächen, viele von ihnen mit Mundschutz. Dem Goldlöckchen ist inzwischen alles zu viel. Nachdem sie so gut wie alle Zipbeutel (die ich Gott sei Dank dabei habe) mit dem Flugzeugessen gefüllt hat, fallen ihr die Augen zu.

Unseren ersten Tag in Bangkok verschlafen wir fast komplett in einem klimatisierten fensterlosen Zimmer. Nachmittags schaffen wir es schließlich endlich, unsere Nachbarschaft zu erkunden und nach einem Bankautomaten und etwas zu Essen zu suchen. Ich folge einfach den engen Gassen neben dem Hotel und bin plötzlich mitten im Einheimischen-Viertel. Die meisten lächeln uns freundlich zu (Ok gut, eigentlich nur dem Goldlöckchen). Jeder will Goldlöckchens Haare anfassen und sie tätscheln.

„Beautiful“höre ich in Thailand so oft, wie sonst nie.

Tapfer und hungrig laufen wir an den kleinen Häusern mit den offenen Türen und Fenstern vorbei. Vorbei an schreienden und lachenden Thailändern. Vorbei an einer Gedenkstätte für den König, von der wir sofort weggewinkt werden. Nichts für Touristen also. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind und ob wir in die richtige Richtung gehen, aber Thailänder brauchen schließlich auch Geld und Wasser, also gehen wir einfach weiter. Irgendwann stehen wir dann ganz plötzlich vor einem 7Eleven, vor dem gleich zwei ATM’s angebracht sind. „Perfekt“ denke ich. Die 50 Euro, die ich bereits in Deutschland gewechselt habe, sind so gut wie weg. Aber: Der Bankautomat will mir kein Geld geben. Goldlöckchen meckert und zettert (zurecht) und versichert mir glaubhaft, dass sie auf der Stelle verhungert. In diesem Moment kostet es mich sehr viel Überwindung, nicht auf der Stelle loszuheulen. Ich bin müde, in einem fremden Land komplett alleine und der Bankautomat gibt mir kein Geld. Ich beiße die Zähne zusammen, kratze die letzten Baht zusammen, kaufe Wasser und einen Snack und frage nach der nächsten Bankfiliale. Nachdem ich mich kurz freue, dass sie gleich um die Ecke ist, schnell der nächste Schock. Die Bank benötigt zum Geldwechseln einen Pass, aber der liegt sicher im Hotel. „Wir sind in 20 Minuten wieder da“, versichere ich der Bankangestellten. Aber sie schüttelt bedauernd den Kopf und sagt: „Leider schließen wir jetzt. Sie können morgen wieder kommen.“ Ok, jetzt will ich wirklich weinen.

 

Hungrig sitze ich vor der Bankfiliale, während Goldlöckchen fröhlich alle Snacks verspeist. Verzweifelt gebe ich dem ATM vor der Filiale eine letzte Chance. Und: Es klappt! Erleichtert führe ich einen kleinen Freudentanz auf. Goldlöckchen lacht und tanzt mit.

Am nächsten Tag müssen wir bereits auschecken und uns abends mit dem Nachtzug auf den Weg nach Koh Phangan machen. Deswegen treffe ich mich mittags mit einer Thailänderin in einem nahegelegenen Café. Sie wird mir das Zugticket – wie in Thailand üblich – telefonisch buchen. Ein Bote wird die Tickets dann vorbeibringen. Goldlöckchen schläft während des Wartens auf meinem Schoß ein und wird von den Inhabern mit wissenden Blicken bedacht. „Beautiful“ höre ich sie immer wieder im Vorbeigehen sagen. „Are you alone?“ will die Vermittlerin wissen. „No husband?“ Ich schüttle den Kopf. Ich glaube sie hat ein wenig Mitleid, zumindest berechnet sie weder unser Essen, noch ihre vereinbarte Vermittlungsgebühr.

Unsere letzten Stunden in Bangkok verbringen wir im Garten des Hotels. Unser Zimmer ist bereits vergeben, aber es ist einfach zu heiß, um die Stadt zu erkunden. Goldlöckchen hilft kurzentschlossen der Putzfrau und nimmt den Gartenschlauch an sich. Gemeinsam mit dem Sohn der Putzfrau, fluten sie den Gartenboden und spritzen sich gegenseitig nass.

Und dann ist es endlich soweit: Nass und glücklich machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof, um zu unserem nächsten Reiseziel – Koh Phangan – zu gelangen.

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Hier erfährst du, wie unser Thailand-Abenteuer weiter geht.

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